Um uns und Toni den Stress der Autofahrt durch Frankreich und Spanien zu ersparen, haben wir uns für die Fähre ab Genua entschieden. Das war goldrichtig und gemütlich.
Allerdings würden wir das nächste Mal nicht mehr mit der arabischen Linie COMANAV fahren - Kabinen und Essen sind eher rudimentär, uns graust schon vor der Rückfahrt. Man lernt dazu, wir werden unsere Küche mit auf die Kabine nehmen und vorher etwas vernünftiges zum Essen bunkern.
Die Ankunft in Tanger läuft wie erwartet ab, man wird in einer langen Schlange zu den Zollformalitäten und zur "Bakschischabgabe" (Dirham für Kaffee für Chef, sonst vielleicht Kontrolle und Ausräumen es Fahrzeugs..). Nach der Zollbremse geht es direkt zur ersten Station, dem Bergdorf Chefchaouen im Rifgebirge.
Sanfter Einstieg in die marokkonische Kultur im schönen Bergstädtchen Chefchaouen mit mediterranem Hauch.
Und los geht es mit der Arbeit und den Schwierigkeiten der Navigation. Was sind wir doch verwöhnt von den Alpen. Hier haben in der Regel die wenigsten Orte, Pisten, Wege irgendeine Bezeichnung, mit marokkanischen, französischen und amerikanischen Militärkarten kämpfen wir uns durch. Alles in allem ist das Gebiet landschaftlich sehr schön, die Stadt toll. Biketechnisch ist das Ganze eher Pistenlastig.
Wetter ist toll, aber Abends ist es ungewöhnlich kalt für die Jahreszeit, so dass wir beim Bilder bearbeiten und lesen und Karten studieren meistens alle Lagen Kleidung anhaben.
Auf dem Weg in den hohen Atlas müssen wir uns erst mal mit Karten und mobilem Internet versorgen.
Mobiles UMTS/3G Internet gibt es in Marokko relativ günstig für 880 Dirham, also circa 80 Euro. Bei Meditel erhält man hierfür ein USB Modem und eine 2 Monatsflatrate. Ja - liebe Telekom, da könntest Du dir eine Scheibe abschneiden. UMTS funktioniert aber lediglich nördlich des hohen Atlas in den großen Städten, ab dem hohen Atlas gibts dann nur noch GPRS. Hier wird sich zeigen, ob das schnell genug ist um über ein Terminal zuhause zu arbeiten.
Vor der Abreise habe ich mir noch einen SSL VPN Router installieren lassen. Über diesen kann ich auf mein Netzwerk zuhause zugreifen.
Philippinische Zustände dann, als es um die Organisation der Karten geht. Das Ministerium für Landvermessung mit dem Kartenshop ist umgezogen. Topografische Karten gibt es laut unserer Info nur in Rabat und Marrakech bei der Regierung direkt. Keiner will wissen, wohin der Shop gezogen ist und der Teil des Ministeriums. Hartnäckiges bohren von Bini und ein freundlicher Mitarbeiter eines anderen Amtes bringen uns dann doch noch zum ersehnten Shop.
Hier drückt mir ein eifriger Mitarbeiter gleich eine tolle Farbübersicht aller erhältlichen Karte und Massstäbe in die Hand - und ich traue meinen Augen kaum - was in keinem Führer steht - laut Broschüre gibts zahlreiche 1:25000er und 1:50000er Karten. Weit mehr als wir gehofft haben. Die Freude bekommt gleich einen Dämpfer als ich einem griesgrämigen Beamten meine lange Kartenbestellung in die Hand drücke.
Hierzu habe ich ein extra Formular und Bleistift erhalten. Der Mitarbeiter kommt mit einem kleinen Stapel zurück und verkündet mir welche Karten es "nicht", "noch nicht" und "jetzt gerade nicht" gibt. Aha, meine Freude erhält gleich einen Dämpfer.
Ich steige um auf zahlreiche 1:100000er. Die Karten, die ich haben möchte muss ich in wieder ein anderes Formular unter Angabe der beabsichtigten Verwendung eintragen, selbstverständlich mit Angabe der Legitimation.
In der Warteschlange habe ich Zeit einige Karten genauer anzuschauen, oh Schreck - Basis Karten 2. Weltkrieg amerikanisches Militär - Strassen fehlen und Orte die heute völlig anders heissen - dafür viele Pisten und Pfade. Der Griesgram an Beamte will mich ärgern, jetzt verweigert er das Formular, das ich mit dem Bleistift ausgefüllt habe. Na ja, dann fülle ich es noch mal mit dem überreichten Kugelschreiber aus, ich revanchiere mich im Gegenzug dafür mit dem größten Geldschein, den ich finden kann.
Die Ankunft im hohen Atlas ist ziemlich chaotisch. Schon von Marrakech aus sehen wir die dunkle Wand vor uns. Je weiter wir in die Berge eindringen, desto mehr ähnelt das Bergsträßchen einer verschlammten Piste, immer wieder sieht man die Spuren von Erdrutschen. Es wird immer ungemütlicher und kälter. Im Dunkeln erreichen wir das Bergdörfchen Imlil, nordseitiger Ausgangspunkt für das Toubkal Massiv. Als Unterkunt haben wir uns die etwas in den Bergen liegende Auberge zweier bergführender Brüder ausgesucht. Die Auffahrt ist abenteuerlich, leider niemand anzutreffen, Auberge ist leer. Noch abenteuerlicher ist das Wendemanöver auf der fahrzeugbreiten Piste. Dann verweigert plötzlich Kupplung oder Getriebe am 4x4 den Dienst, ich schaffe es den ersten Gang hineinzuwürgen.
Das ganze Dorf ist auf den Füßen und versorgt uns mit Ratschlägen aller Art, genau das was man in so einem Moment braucht. Jeder Pensionsbesitzer zerrt an uns. Schliesslich schaffen wir es zu einer halbwegs anständigen Auberge und ergeben uns der Situation.
Am nächsten Morgen ist es eisig kalt, Schnee bis auf 2700 Meter, der Toubkal mit wehenden Schneefahnen und in Wolken gehüllt. Das Tal hat passend zum Wetter einen tibetanischen Charakter - und wurde deshalb auch zum Schauplatz eines Filmes von Martin Scorsese ausgewählt. Das halbe Dorf stand schon in buddistischer Mönchskutte vor der Kamera.
Wir lassen uns nicht entmutigen und beginnen mit der Hoffnung auf besseres Wetter die Region zu erkunden. Der Toubkal ist mit 4167 Metern Höhe der höchste Berg Nordafrikas und damit ist der Toubkal auch die alpinistisch am stärksten genutzte Region in Marokko. Der CAF betreibt auf 3100 Metern Höhe eine Schutzhütte als Ausgangspunkt für Bergtouren. Zahlreiche Tizis (Pässe) ermöglichen Übergänge in Paralleltäler, es sind mehrtägige Rundtouren möglich, bei denen in einfachen Refuges oder Gite d'Etapes übernachtet werden kann.
Während die meisten Pisten einfach zu bewältigen sind, haben es die Mulipfade und "Singletrails" in sich. Der Untergrund ist häufig grobes, loses, erosionsanfälliges Gestein oder Schutt.
Die Orientierung ist schwierig, die Wege sind nicht markiert, die Orte und Dörfer haben nicht mal Beschriftunen oder Schilder. Also immer mit den Einheimischen ratschen, nachfragen und sich über den Zustand der Wege erkundigen. Was heute geht, kann morgen bereits mit Schnee bedeckt sein oder weggespült sein. Dies trifft auch auf Pisten zu.
Imlil bietet mit zahlreichen Bergführen und Mulitreibern eine hervorragende Infrastruktur für Freeride Touren abenteuerlicher Art. Mulishuttle nach oben und dann die Abfahrt geniessen.
Den Mt. Toubkal als abenteuerliches Zuckerstück hebe ich mir für den Schluss auf, die Schneegrenze ist mittlerweile auf über 3000 Meter nach oben gegangen, der starke Wind der letzten Tage hat für eine starke Schneeverfrachtung gesorgt. Morgens um 04:30 breche ich von Imlil mit dem Mulitreiber Hamid auf. Der transportiert meine Bike bis zur CAF Hütte. Den Trail habe ich mich am Vortag schon bis zur Hütte hochgekämpft, für die 1300 Höhenmeter, die versucht habe fahrend zu bewältigen, habe ich 6 Stunden hin und zurück gebraucht - und es war ein Gewaltakt. Deshalb nutze ich das Mulishuttle gerne, denn ich rechne damit, mein Bike ab der Hütte mehr als 1000 Meter hoch zu tragen. Denn für die Mulis ist ab der Hütte Schluss, das Risiko für die Tiere im Schnee ist zu hoch.
Nun folgt eine Plackerei über durchgefrorene Altschneefelder und teilweise Hüfthohe Schneeverwehungen. Lediglich 50 Meter unter dem Gipfel muss ich passen. Zum einen ist das Schlussstück stark vereist und definitiv so nicht mit dem Bike zu befahren. Zum anderen liegt der obere Bereich in der Sonne und ist ein loses sehr steiles Schuttfeld. Bereits beim Aufstieg muss ich darauf achten, das nachsteigende Wanderer nicht meine Steine abbekommen. Bei der Abfahrt muss ich immer wieder darauf warten, bis Wanderer aus der "Schussline" sind. Die morgens durchgeforenen Schneefelder liegen nun zum Teil in der Sonne, immer wieder taucht mein Liteville komplett ab und katapultiert mich über den Lenker.
Alles in allem ist die Abfahrt bei diesen Wetterverhältnissen eine gewaltige Zitterpartie. Das Trailvergnügen fängt ab der CAF Hütte abwärts an. Die Strecke ist aber nur für versierte Fahrer geeignet. Aufgrund des blockigen und losen Terrains ist sie kräftezehrend und hat teilweise Trialcharakter. Um 1 Uhr bin ich wieder in Imlil.
Wir machen einen Zwischenstop am Jebel Sirouah. Ausgangspunkt für mehrtägige Touren ist hier meist Talouine. Schöne Gegend aber leider für ambitionierte Biker nicht so interessant - alles in allem sehr pistenlastig und zu weitläufig, ein ewiges auf und ab auf langen Wegen, bis man mal wo ankommt.
Toni geniesst unseren tollen Campingplatz mit Swimmingpool und Tom und Jerry auf Kika um halb sieben. Nach einigen erfolglosen aber schönen Tagen machen wir uns über Ourzazate auf den Weg in die M'Goun Region im Hohen Atlas.
Auch der M'Goun empfängt uns mit seinen schneebedeckten 4000ern und kühlem Wetter. In Boumalde de Dades am Eingang der Dades Schlucht machen wir erst mal Sondierungs - und Orientierungsstop.
Prägend für die Region sind zahlreiche Oueds (Flusstäler) und Gorges (Schluchten) in stark erosiven Gestein. Dieses variiert in allen Farbtönen, viele Rottöne prägen das Bild. Für dieses Gebiet gibt es eine sehr gute Karte der Uni Bayreuth für Kulturtrekking. Die M'Goun Region ist geprägt durch ein lebendiges Nomadentum. Die Oueds sind die Wanderwege der Nomaden und deren Benutzung ist dadurch stark wetterabhängig. Teilweise laufen die Hauptrouten der Nomaden abenteuerlich durch permanent wasserführende Schluchten, wie z.B. die M'goun Schlucht. Wenn man sich hier bewegt, muss man ständig die teilweise reissenden Flüsse überqueren, häufig in hüfthohem Wasser. Auch hier werden Wege oft innerhalb einer Stunde Regenfall weggespült oder stark verändert.
Deshalb suchen wir uns hier einen Führer, der versteht was wir wollen. Mit Ibrahim, der auch eine Gîte d'Etape betreibt finden wir einen, der zu verstehen scheint, was ich unter Singletrail verstehe. Seine beiden Kompagnons und Mulitreiber, Ali und Mustafa sind Gold wert. Sie verschaffen Bini freie Fotografinnenhände und beschäftigen Toni auf dem Muli hervorragend.
Bei unsicherem Wetter, steigendem Wasser machen wir uns auf den Weg ins Ungewisse.
Ibrahim lässt uns tiefe Einblicke in die Kultur der Nomaden gewähren, immer wieder machen wir Halt bei befreundeten oder bekannten Nomaden - und immer wieder erfahren wir was Gastfreundschaft heisst - "mein Haus ist auch Dein Haus". Beeindruckend ist die Zufriedenheit der Nomaden, das glückliche Blitzen und Strahlen ihrer Augen.
Mittlerweile ist Schnee bis auf 2000 Meter gefallen und das machte weitere Aktionen unmöglich. Wahrscheinlich werden wir im Frühjahr oder Sommer nächsten Jahres die M'Goun Region nochmals besuchen. Vor allem vom Zentralmassiv haben wir zu wenig mitbekommRicen.
Warten ist jetzt sinnlos - also hauen wir erst mal ab vor der Kälte und machen den von Bini und Toni heiss ersehnten Abstecker in die Dünen der Oasenstrasse von Ourzazate nach Mhamid. Von Boumalde geht es über eine abenteuerliche Bergpiste über das Jebel Sahgro Massiv nach Nkob und von dort Richtung Zagora und weiter nach Mhamid. Dort waren leider starke Regenfälle und der starke Wind macht ein Zelten in den Dünen zu einer zähneknirschenden Angelegenheit.
Wir machen uns über eine Piste auf karger Steinwüstenlandschaft (Erg) auf den Weg in den Antiatlas nach Tafraoute.
Himbeerfarbene Häuser und Hinkelsteine prägen das Landschaftsbild um Tafroute im Antiatlas, dem südlichsten der marokkanischen Gebirgszüge.
Das Gelände ist geschaffen für Trial- und Trailliebhaber, auf den Gesteinsformationen hat man eine unheimliche Traktion. Auch hier ist das alte Spiel angesagt - wer sucht und fragt der findet. Wer es softer mag, für den gibt es auch einige Pistenrunden.
Tafraoute selbst ist ein sympathischer Ort mit besonderem Charme, die Häuser sind oft wie ein Teil der Natur in die Gesteinsformationen eingebettet. Arganienbäume prägen die Landschaft mit und die Früchte der Arganien werden zum kostbaren Arganienöl verarbeitet, das sowohl als Speiseöl als auch als Basis für Naturkosmetik verarbeitet wird. Der Arganienbaum gehört zur Familie der Eisenbäume und hat sehr harte Dornen, denen kein Reifen widersteht. Selten habe ich soviele Flicken und Schläuche auf meinen Touren vernichtet. Auch die Ziegen lieben die Früchte und häufig sieht man sie in den Bäumen bei der Ernte.
Nach einer kurzen Erholungs-und Arbeitspause in Agadir wollen wir wieder zurück in den Hohen Atlas. Wir möchten diesmal nordseitig von Tabant her ins M'Goun Massiv vordringen. Rückfragen bei Bergführern ergeben, das es immer noch sehr kalt ist und die Schneegrenze je nach Ausrichtung zwischen 2500 und 3000 Meter liegt.
Die schon im Imlil angedeutete Panne holt uns jetzt endgültig ein - Kupplungsschaden. Von Mazda gibt es nur eine Niederlassung im weit entfernten Casablanca. Zu allem Unglück ereignet sich die Panne in dem letzten Fernfahrernest Samstag nacht. Da von Seiten des ADAC vor Montag nichts mehr passieren würde, verlassen wir uns auf das Wort des Dorfmechanikers, er könne das Teil schon am Sonntag früh von einem Freund bekommen und wir beschliessen es ohne ADAC zu versuchen. Mit wenig Werkzeug wird unser Auto zerlegt, wir können teilweise nicht zusehen - bis endlich die Scheiben zu Tage kommen, tatsächlich, ein Flügel ist gebrochen. Das Teil kommt erst Sonntag abend. Montag erweist es sich als das falsche - zu gross - doch die Mechaniker basteln ein passendes. Das muss dann leider zuhause wieder raus.
Letztendlich verlieren wir viel Zeit, wir kommen erst Dienstag nacht weg - unsere Fähre ist für Sonntag gebucht. Wir beschliessen zurück ans Meer nach Essaouira zu fahren - ein hervorragender Kitespot. Ich möchte vielleicht mal das Bike mit dem Kite vertauschen.
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